Einsatzberichte

Einsatzbericht Madagaskar 14. bis 29. November 2024

Der Narkosearzt zieht einen großen, schlauchförmigen Tumor nach oben, der im Bereich des Oberlides über dem rechte Auge eines 16-jährigen Mädchens gewachsen ist. Er bittet unseren Übersetzer, seine Hand vor das linke Auge des Mädchens zu halten und sie zu fragen, ob sie ihm sagen kann, wie viele Finger er hochhält. Sie kann es nicht. Sie ist nicht blind, aber sie kann weder schreiben, lesen oder rechnen - und dementsprechend kann sie keine Auskunft geben. Durch gezielte Fragen finden wir heraus, dass sie noch Kontouren unterscheiden kann. Es ist, als ob sie durch Milchglas guckt. Die Mutter und das Mädchen möchten unbedingt wissen, ob wir ihr den grotesk entstellenden Tumor entfernen können und ob die Sehkraft vielleicht besser werden könnte...

Madagaskar! Wir sind wieder da! Dieses Mal reisten wir mit einem neunköpfigen Team an, bestehend aus 5 Ärzten, einem Medizinstudenten und drei Schwestern.

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Unsere Anreise wurde durch die unglaubliche Unzuverlässigkeit der nationalen Fluggesellschaft Tsaradia, auch Air Surprise genannt, verkompliziert. Der weiterführende Flug von der Hauptstadt Antananarivo nach Fort Dauphin in den bitter armen Süden
wurde x-mal verschoben. Es fühlte sich an wie ein kleines Wunder, dass wir, bis auf einen verschwundenen Koffer, ohne großen Zeitverlust in Manambaro ankommen konnten.

Nicht nur wir waren in Manambaro angekommen: Etwa 400 Patienten saßen seit dem frühen Morgen erwartungsvoll in der Kapelle und hofften, dass wir ihnen helfen könnten. Es folgten viele, viele Stunden der Patientensichtung. Die OP-Pläne waren schnell gefüllt und am Ende des Tages hatten wir über 150 Patienten auf der Liste. Einige mussten wir auf die Warteliste setzen, andere mussten nicht operiert werden, wie die junge Dame, die uns bat, bei ihrem Freund die Stimme wegzuoperieren, die ihm immer wieder sagte, er solle vielen Frauen nachstellen...

Wir operierten an 8 Tagen wie am Fließband. Unser Kinderchirurg erwies sich erneut als der König der Leistenhernien und konnte vielen kleinen Patienten das Leben erheblich leichter machen. Die plastische Chirurgin operierte alles, von Lippen- und Gaumenspalten über Verbrennungen und Weichteiltumore bis zu angeborenen Fehlbildungen. Am Ende der Woche konnten in Manambaro 147 Patienten operiert werden. Davon 113 in Vollnarkose und 34 in örtlicher Betäubung.

Das Mädchen mit dem Augentumor wurde selbstverständlich auch operiert. Nach drei Stunden war der Tumor entfernt und die Lider rekonstruiert. Die spannende Frage war, ob es gelungen war den Lidhebermuskel so zu rekonstruieren, dass sie das Lid heben konnte. Das ganze Team stand um die Patientin herum und beobachtete sie bei der Narkoseausleitung. Als sie wach wurde, zuckte es im linken Oberlid und sie konnte es ein paar Millimeter öffnen. Nicht nur der Chirurgin kamen die Tränen. Das Mädchen hatte 16 Jahre lang ihr Auge nicht aufmachen können.

Die Zusammenarbeit mit Dr. Christophe und der brasilianischen Organisation „Fraternidad Sans Frontiers“ in Ambovenbe hat wieder hervorragend geklappt. Vorab wurden uns Patientenbilder elektronisch übermittelt, diskutiert und evaluiert. Durch diese Zusammenarbeit können wir unseren Wirkradius deutlich erweitern und Patienten erreichen, die sonst nie eine Möglichkeit gehabt hätten, kinderchirurgische oder plastisch-chirurgische Hilfe zu bekommen.

Nach erneuten Flugplanänderungen konnten wir nach Antananarivo zurückfliegen, um den zweiten Teil In Ambovo, ein kleiner Ort vor der Hauptstadt, hat die Hebamme Tanja Hock großartiges geleistet. Sie hat ein kleines Krankenhaus errichtet, das in puncto Kompetenz und Hygiene einem westlichen Krankenhaus nicht nachsteht. Tanja und ihr Team hatten schon alles vorbereitet. Die Patienten waren gesichtet und voruntersucht, wir mussten lediglich einen kurzen Check machen und schon konnte es losgehen. Das Spektrum in Ambovo entsprach dem in Manambaro: Leistenhernien, Verbrennungen, Fehlbildungen und Lippen-Gaumenspalten. Das Team um Tanja hatte die Abläufe sehr gut durchorganisiert und somit konnten wir sehr viel in sehr kurzer Zeit schaffen, in der Hoffnung den kleinen Patienten ein besseres Leben zu ermöglichen.

In Tana wurden insgesamt 48 Patienten operiert, davon unter anderem 23 Leistenhernien und Nabelhernien sowie mehrere Lippen- und Gaumenspalten, Narben nach Verbrennungen und Weichteiltumore.
Die Tätigkeit in Madagaskar gleicht einer Sisyphusarbeit. Obwohl wir seit 2006 jedes Jahr mit
verschiedenen Teams mindestens zwei Mal dorthin fahren und versuchen, so viele Menschen wie möglich zu helfen, wird es nie weniger Arbeit. Wir sehen ständig neue Krankheitsbilder, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existieren. Immer wieder neue Tragödien aber auch viele, viele Lichtblicke.

Ich zitiere an dieser Stelle gerne meinen Vater: Für die gesamte Bevölkerung ist unsere Arbeit nur ein Tropfen im Ozean. Für den Einzelnen, dem wir helfen können, ist es das ganze Meer.

Das bedeutet für uns, dass wir weiter machen und damit versuchen unsere Welt ein kleines bisschen freundlicher zu gestalten.
Unsere Arbeit wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht die Hilfe und Unterstützung von pro interplast Seligenstadt und Frau Stadtmüller gehabt hätten. Danke auch an Camilla Völpel von Interplast, die uns eine Spende mit Pulsoximeter und Fäden hat zukommen lassen sowie ein Dankeschön an Frau Lehmann und Frau Schubert von der Klindwort-Apotheke in Bad Schwartau, die bei der Medikamentenbeschaffung eine fantastische Arbeit geleistet haben. Danke für die Unterstützung von unserer Familien und Freunde sowie von unserer deutschen Patienten, die uns jedes Jahr nach Afrika reisen lassen und damit beitragen, unsere Erde ein wenig lebenswerter zu machen.

Für das Team
Dr. Gie Vandehult

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